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Montag, 11. November 2013

Suffizienz neu denken

Anders konsumieren und wirtschaften – Suffizienz neu denken - 300 Jahre Nachhaltigkeit – eine Idee feiert Geburtstag. Trotz der Rio-Deklaration für eine nachhaltige Entwicklung und einer breiten öffentlichen Nachhaltigkeitsdiskussion, braucht es aus Sicht des deutschen Öko-Instituts weitere Anstrengungen, damit wir auch künftig Ressourcen und Energie nutzen können, ohne die Ökosysteme und das Klima zu zerstören. 

Vor allem unsere Konsummuster sind bislang wenig nachhaltig – der Verkehr wächst, der Fleischkonsum nimmt zu, der Energieverbrauch steigt. Zusätzlich zu den bewährten Nachhaltigkeitsstrategien Effizienz und Konsistenz – also gleiches Konsumniveau mit weniger Ressourceneinsatz oder alternativen Technologien zu erreichen – braucht es deshalb Ideen, die Konsummuster selbst zu verändern. Im Fachjargon spricht man von Suffizienz. Hier ist vor allem die Politik gefragt, wie das Öko-Institut in einer aktuellen Analyse zeigt.

Suffizienz? Beispiele für einen nachhaltigeren Konsum

Suffizientes Handeln hat viele Facetten. Beispielsweise umfasst Suffizienz, weniger (ressourcenintensive) Produkte zu kaufen oder nutzen (z.B. Verzicht auf eine Fernreise, öfter mal das Rad statt das Auto nutzen) bzw. solche mit geringerer Gütergröße, -funktionen oder -komfort zu konsumieren (z.B. kleinere Wohnung, Auto ohne Klimaanlage, weniger Fleisch essen). Es  kann aber auch um ein umweltfreundlicheres Nutzungsverhalten gehen (z.B. geringeres Tempo auf Autobahnen), um verlängerte Produktnutzung (z.B. Handys nicht alle Jahre wechseln) oder die gemeinsame Nutzung (z.B. Nachbarschaftsauto) bei Produkten, bei denen dies ökologisch vorteilhaft ist.

Suffizienz braucht politische Rahmenbedingungen

In seinen Arbeiten zum Thema Suffizienz stellt das Öko-Institut heraus, dass es nicht allein um Veränderung im individuellen Verhalten geht. Vielmehr brauche es Veränderungen in vielen Bereichen: bei Technologien, Märkten und Infrastrukturen, Wissen, Werten und Leitbildern. Dafür muss die Politik entsprechende Rahmenbedingungen für das Zusammenwirken von Wirtschaft und Verbraucherinnen und Verbrauchern vorgeben.

„Nur wenn ökologisches Handeln des Einzelnen gefördert und nicht etwa gehemmt wird, kann es gelingen, eine umfassende Wende herbeizuführen“, sagt Franziska Wolff, Sozialwissenschaftlerin am Öko-Institut. „Die Politik muss nachhaltiges Verhalten anregen und fördern. Dafür gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, die mit bewährten Instrumenten zusammenspielen sollten.“

Politikinstrumente: Sorgfältiges Abwägen nötig

In seiner Kurzstudie schlägt das Öko-Institut vor, dass künftig politische Maßnahmen neben Effizienz und Konsistenz verstärkt auch suffizientes Verhalten fördern sollen. Hierfür gibt es bereits jetzt Ansatzpunkte – wie radfahrerfreundliche Stadtplanung, kommunale Nutzen-statt-Besitzen-Angebote, die ökologische Steuerreform, Produktstandards oder Gewährleistungsfristen. Diese gilt es systematisch auszubauen.

Grundsätzlich sollte der Eingriff im Verhältnis zum Entlastungspotenzial stehen. Bei der Gestaltung von Instrumenten muss der Gesetzgeber stets die Faktoren persönliche Freiheit, verfassungsrechtliche Grenzen, gesellschaftliche Akzeptanz und Auswirkungen auf die Wirtschaft sorgfältig abwägen. Zudem gilt es eine überproportionale Belastung niedriger Einkommen zu vermeiden.

Suffizienz ist mehr als Verzicht

Die Beispiele für Suffizienz zeigen, dass man zwar auf Manches verzichtet („langsamer vorankommen“), aber auch an Lebensqualität gewinnt („sich gesünder fortbewegen“, „nicht im Stau stehen“). Angesichts der Kosten und Konflikte rund um manche technologische Entwicklung kann Suffizienz auch gesellschaftlich manches Mal die einfachere, kostengünstigere, weniger konfliktträchtige – ja, die elegantere Lösung sein.

„Wir sehen außerdem, dass Effizienzgewinne häufig von Konsumsteigerungen aufgefressen werden‘“, erläutert Dr. Corinna Fischer, Expertin für nachhaltigen Konsum am Öko-Institut. „Fernseher werden effizienter, aber größer und mehr. Um den Naturverbrauch auf ein nachhaltiges und verallgemeinerbares Maß zu beschränken, brauchen wir neben Effizienz und Konsistenz auch langfristige, strukturelle Änderungen in unserem Verhalten.“

Mittwoch, 4. September 2013

Industrieländer brauchen Ressourcen

Tommy Wiedmann dürfte in dieser Woche einige Politiker und Wissenschaftler vor den Kopf gestoßen haben. Der Ökonom und Nachhaltigkeitsforscher von der australischen Universität New South Wales hat eine Studie veröffentlicht (hier als PDF), die ein ziemlich drastisches Urteil über die Folgen des Wirtschaftswachstums in entwickelten Ländern fällt: Die Welt verbraucht viel mehr Ressourcen, als Regierungen und Organisationen wie die UN vorrechnen.
Damit sich der Ressourcenhunger der Welt nicht bis 2050 verdoppelt und der Planet an seine Grenzen stößt, müssen Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch entkoppelt werden. Glaubt man den bisher kursierenden Zahlen, hat dieser Prozess in höher entwickelten Ländern bereits begonnen.

Durch effizientere Technologien, Recycling-Prozesse und die Zunahme des Welthandels sind Länder wie Deutschland für jede zusätzliche Einheit Bruttoinlandsprodukt auf immer weniger natürliche Ressourcen angewiesen, um ihr Wachstum zu treiben. Das ist der Schlüssel zu nachhaltigem Wachstum.

Wiedmann und seine Kollegen aber warnen: Dieser als „relative Entkopplung“ von Wachstum und Ressourcenverbrauch bekannte Prozess ist nach ihren neuen Berechnungen viel kleiner als bislang angenommen, und in einigen Ländern findet er noch überhaupt nicht statt.

„Mit den aktuellen Messgrößen sind Regierungen nicht in der Lage, ihren tatsächlichen Ressourcenverbrauch zu messen“, sagt Wiedmann. Weniger Umweltschäden für jedes Prozent Wirtschaftswachstum – das ist offenbar noch frommes Wunschdenken.

Weltweit 70 Milliarden Tonnen Rohstoffe

Für die Berechnungen entwickelten er und Kollegen der nationalen australischen Wissenschaftsagentur CSIRO, der Universität Sydney und der kalifornischen Universität in Santa Barbara ein neues Modell, mit dem sie den Fluss von Rohstoffen in der Weltwirtschaft über einen Zeitraum von 18 Jahren und so den „materiellen Fußabdruck“ von fast allen Ländern der Erde messen konnten.

In 2008 wurden demnach weltweit 70 Milliarden Tonnen Rohstoffe abgebaut – die Autoren zählen dazu Eisenerze, Biomasse (also etwa Holz), fossile Brennstoffe und Mineralien. Zehn Milliarden Tonnen wurden direkt gehandelt. In die gewöhnlichen Berechnungen des Ressourcenverbrauchs fließt allerdings nicht die Menge an Rohstoffen ein, die für Förderung und Transport benötigt werden. Das waren den Berechnungen zufolge im gleichen Jahr 29 Milliarden Tonnen. Damit gehen zwei Fünftel der weltweiten Rohstoffe allein für den Export von Gütern und Dienstleistungen drauf.

Weil diese Menge nie das Herkunftsland verlasse, werde sie nicht adäquat mitberechnet, schreiben die Autoren. Wenn ein deutscher Zulieferbetrieb für die Autoindustrie eine Tonne Stahl verarbeitet, verbraucht er weit mehr als nur eine Tonne Stahl, so das Argument. Das Konzept ähnelt dem des CO2-Fußabdrucks, der die bei Produktion und Transport eines Produkts anfallenden Emissionen mitberechnet und der in der Klimapolitik viel diskutiert wird.

Materieller Fußabdruck: Die ehrliche Berechnungsmethode

Als Alternative zu gängigen Berechnungsmethoden wie dem inländischen Materialverbrauch schlägt Wiedmann nun vor, den „materiellen Fußabdruck“ zum Standard bei der Berechnung des Ressourcenverbrauchs zu machen.
Um ihn zu ermitteln, multiplizierten er und seine Kollegen die Nachfrage eines Landes nach Gütern und Dienstleistungen in einem Jahr mit Multiplikatoren, die alle für den Endverbrauch benötigten Materialien repräsentieren. Diese Größen ermittelten sie mit einer gigantischen Menge an Daten, in der Transaktionen von fast 15.000 Industriesektoren in 186 Ländern erfasst sind.

Darin zeigt sich: In allen betrachteten Industrieländern wächst der Ressourcenverbrauch annähernd proportional zum Bruttoinlandsprodukt, wenn man den materiellen Fußabdruck zugrunde legt. Von relativer Entkopplung ist dann keine Spur mehr. In absoluten Werten sind die USA der mit Abstand größte Importeur von Rohstoffen, die in gehandelten Gütern stecken, und China der größte Exporteur.

Die Berechnungsmethode steht nun für jeden bereit, und die Ergebnisse scheinen eindeutig zu sein: Die Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch und dessen negativen Umweltfolgen ist eine unwahre Geschichte – und wird es erst einmal bleiben.
Viele, die einen Hoffnungsschimmer für eine nachhaltigere Wirtschaft sahen, werden jetzt also enttäuscht. Die Arbeit beginnt von Neuem.

Quelle: Wirtschaftswoche Green 4.9.13